Nußdorf und die Belagerungen der Festung Landau

von Rolf Übel

Heute wird die Aussicht von dem überhöht auf einem Riedel liegenden Dorf Nußdorf nach Landau hinab immer wieder bewundernd beschrieben und hat nicht zuletzt dem Ort den Beinamen „Balkon von Landau“ eingebracht. Genau diese Lage, die heute den Beschauer erfreut, hatte sich im frühen 18. Jahrhundert aber auch verhängnisvoll auf die Geschicke der Einwohner ausgewirkt.

Denn, was man heute bewundert, den freien Blick auf Landau, war für die Militärs dieser Zeit  von rein praktischem Nutzen. Denn, was man sehen kann, das kann man auch direkt beschießen.

Und dies geschah dann auch während der Belagerungen der Festung 1702 und 1793. Von diesen Belagerungen gibt es heute noch Zeugnisse, z.B. ein Fragment einer Kanone oder Kanonenkugeln im Stadtmuseum. Immer wieder finden sich auch noch bei Baumaßnahmen Geschosse aus dieser Zeit. (Bild 1 und 2) 

Auch im „Bauernkriegsmuseum Nußdorf“ sind Kugeln ausgestellt, die südlich von Nußdorf gefunden wurden (Bild 3) und auch von einer bei Flurbereinigungsarbeiten gefundenen hölzernen Geschützbettung aus dem „Ochsenloch“ geht der Bericht. Dies sind die wenigen Relikte aus der Zeit, von der in zeitgenössischen Berichten zu lesen war, dass „die Kanonen von Nußdorf hinab nach Landau spielten“.

03. Kanonenkugeln, gefunden südlich von Nußdorf (Foto: R. Übel)


Und die überhöhte Stellung nördlich von Landau wurde auch dazu genutzt, Truppen in Stellung zu bringen: In eigens errichteten Lagern im Gelände, aber auch durch Einquartierungen in den Dörfern direkt. Auch dies führte zu Bedrückungen der Einwohner der Dörfer des Umlandes, auch der Nußdorfer. Egal ob nun „die Kanonen nach Landau spielten“ oder ob Nußdorf als Einquartierungsort der Belagerer diente – bei Angriffen auf die Festung war es mit dem normalen Alltag der Bewohner der Umgebung vorbei.

Im Verlauf der ersten Belagerung der Festung im Spanischen Erbfolgekrieg war das Ziel des ersten, auch von Nußdorf aus vorgetragenen Angriffes im Jahre 1702 das nordwestlich der Stadt liegende Außenwerk der Festung „das Fort“ der von 1688 bis 1691 erbauten Festung Landau. Dieser Festungsteil war im Jahre 1700 begonnen worden und bis zum Beginn der Belagerung im Frühjahr 1702 noch nicht vollständig ausgebaut, vor allem fehlten die steinernen Verblendungen der Wälle und die vorbereiteten Minengalerien.

Als im Jahre 1702 der Spanische Erbfolgekrieg ausbrach, in dem Truppen Habsburgs, der deutschen Reichstände und deren Verbündeten gegen die Franzosen kämpften, wurde die Wegnahme der Festung Landau im Zuge einer Rückeroberung des Elsass ein Ziel der deutschen Reichstruppen.

Während der Belagerung wurde ein Teilangriff gegen die Festung von Norden aus gegen das Fort vorgetragen, der zweite, der eigentliche Hauptangriff, von Süden gegen die Werke vor dem Französische Tor. Ein dritter erfolgte als Scheinangriff ohne Geschütze von Queichheim aus. (Bild 4)

04.  Die drei Angriffsrichtungen des Jahres 1702 sind genau eingezeichnet. Der Angriff auf das Fort (oben), der auf die Südfront (unten) und der „blinde Angriff“ von Queichheim aus (rechts). (StA Landau, Plansammlung)

Die Bedrückungen begannen schon vor der eigentlichen Belagerung. Im März 1702  mussten die Bürger der Stadt und der Dörfer täglich 4 Fuder Wein an die französische Garnison liefern, „gegen Zahlung gemäß Verordnung“, ebenfalls herrschte schon vor der Belagerung in der Stadt Geldmangel. Die Dörfer um Landau, Nußdorf, Dammheim und Queichheim, die zur Stadt gehören, wurden zu Fourageleistungen für die verstärkte Garnison herangezogen, bis die Truppen der Allianz vor Landau auftauchten.

Am 23. April wurden die ersten Truppen, es handelte sich um zwei Kurpfälzer Bataillone – fast 1500 Mann -, in Nußdorf in Quartier gelegt. (Bild 5) Bis zum Ende der Belagerung im September sollte das Dorf, wie auch die Nachbardörfer, von Reichstruppen belegt sein, wenn auch noch nicht sofort Angriffsbewegungen gegen den nördlichen Teil der Festung begonnen wurden.

05.  Belagerungsplan von 1702, rot eingezeichnet die Einheiten um Landau (StA Landau, Plansammlung)

Die Franzosen ihrerseits ließen, um freies Schussfeld und Gegenangriffsterrain zu erlangen, die Weinberge nördlich des Forts bis zur Nußdorfer Allmende und dem Ochsenloch aushauen. Diese Arbeit verrichteten zwangsverpflichtete Bürger der Stadt. Die Nußdorfer Allmende, die gemeinsame Viehweide des Dorfes, diente in der Folge zuerst als Weide für die Pferde der jeweiligen Kavallerieeinheiten, die um die Festung streiften.

Nußdorf wurde ab dem Mai 1702 mit Soldaten, Pferden und Kanonen belegt. Die Fourage für die quadratisch angelegten Lager um Nußdorf requiriert man von der Bevölkerung der Orte. Am 4. Mai gab Mélac, der Festungskommandant, den Befehl, bei Nußdorf aufgezogene Kavallerie mit Artillerie vom Fort aus zu beschießen.
Am 16. Juni begannen die Angreifer nun ihrerseits südlich von Nußdorf Weinstöcke und Bäume auszuhauen, um näher an das Fort zu gelangen und freies Schussfeld zu erreichen. Mit Artilleriefeuer wollten die Franzosen dies verhindern, konnten die Arbeiten aber nur behindern, nicht unterbinden.

Am selben Tag bezog die nun ankommende Hauptarmee Stellung, notiert das journal de la siège: „Ein Teil campierte bei Arzheim, das zum Hauptquartier wurde, der Rest auf den Höhen von Impflingen, Dammheim, Nußdorf und Godramstein, Dörfer eine Halbe Meile von Landau entfernt. Diese Positionen sollten während der ganzen Belagerung besetzt bleiben“.

Als das Hauptheer zur Belagerung eintraf, wurden um Landau fünf feste Lager errichtet, aber keine durchgehenden Linie aus Wall und Graben (Circumvallation). Zwar gibt es Karten, auf denen eine doppelte Circumvallationslinie eingezeichnet ist, aber da sie in den Schriftquellen nicht belegt ist, dürfte es sich hierbei um Fehler der Zeichner oder Stecher handeln. Generell ist zu bemerken, dass auf den Stichen das Belagerungsgeschehen oft sehr detailliert und drastisch dargestellt ist, auf die Details der Stadt und der Umgegend aber nicht der erforderliche Augenmerk gelegt war, was wahrscheinlich aber auch nicht in der Intention der Künstler lag. Dörfer sind falsch eingezeichnet, Einheiten falsch disloziert, bei Belagerungsstichen von 1702 fehlt das Fort. Wahrscheinlich hatte man auf ältere Vorbilder zurückgegriffen, als das Fort noch nicht gebaut war. Andererseits findet man bei der selben Belagerung Stiche, auf denen die um 1700 konzipierten, aber in dieser Form nie realisierten Hornwerke im Süden eingezeichnet sind. Kurz, als historische Quelle sind diese Karten oft von zweifelhaftem Wert. Als Bildquelle für die Art und Weise des Belagerungskampfes sind sie allerdings unverzichtbar.

Insgesamt zogen die Kaiserlichen 40 000 Mann vor der Festung zusammen. Westlich von Nußdorf gingen die Regimenter von Iselbach und von Fuchs in Stellung, östlich die Regimenter von Weilburg und Butlar, die zum Thüngischen Corps gehörten, dessen Aufgabe der Angriff auf das Fort war. Auf einem weiteren Plan sind die Regimenter Fuchs und Weillburg sowie eine Batterie leichter Artillerie eingezeichnet. Die Einheiten standen aber alle im Hinterhang, der Sicht der Verteidiger entzogen. Westlich und nördlich von Nußdorf (von den „Drei Steinen“ bis zum „Röller“) wurde ein Lager für 4000 Mann ( u.a. Regiment Iselbach) angelegt. Eine Kette von Palisaden und Erdwerken wurde auch auf der Nußdorfer Höhe gebaut, das Dorf selbst erhielt Einquartierungen (Kantonierungen) und die Hauptstraßen nach Landau wurden mit Barrieren versehen und von Wachposten besetzt.

Zehn Wochen lang war Nußdorf  nun „Militärgebiet“ mit allen Auswirkungen, die dies hatte.

Emil Heuser schrieb: „Die Landbevölkerung in der ganzen Umgebung wurde ausgesogen. Was die Franzosen übrig ließen, nahmen später die Kaiserlichen“.

Am 16. Juni begann der Angriff gegen das Fort. Schon am ersten Tag wurden Nußdorfer Männer zu Schanzarbeiten gepresst. Sie mussten die Laufgräben auf der Höhe der heutigen Godramsteiner Straße ausheben, während Landauer Bürger, von den Franzosen gezwungen, im Fort selbst an den Erdwerken arbeiteten.

Weiterhin hatten Männer an den Befestigungen zu arbeiten, die die Kaiserlichen auf den Höhenrücken um die Festung anlegten.

Wer sich weigerte, wurde gezwungen, wobei die „Deutschen gegen die Deutschen“ keine Rücksichten nahmen, wie der Bürgermeister von Nußdorf in einem Beschwerdebrief schrieb.

06.  Die Belagerung 1702 aus der „Vogelperspektive. (StA Landau, Plansammlung)

Am 2. Juli begann die Beschießung der Festung, zuerst von Süden, drei Tage später auch gegen das Fort. (Bild 6) Als am 5. Juli drei schwere Batterien mit 24-Pfünder Kanonen nördlich des Forts in Stellung gingen, wurden Nußdorfer Bauern zu Spanndiensten herangezogen. Sie luden in dem „Kugelgarten“ bei den „Drei Steinen“ Kanonenkugeln auf und fuhren sie zu den Geschützstellungen. Der Artilleriekommandant gab für die geleistete Arbeit zwar Quittungen aus, die aber niemals eingelöst werden konnten.

Am 9. Juli wurde das Fort mit starkem Feuer belegt.

Am 16. Juli waren in den Gewannen „Ochsenloch“ und „Mistgrube“ dann in einem Abstand von 145 Schritten die Angriffsgräben gegen die Fronten 62-64 des Forts eröffnet. In den Breschbatterien standen gegen das Fort 42 Kanonen und 21 Mörser; diese beschossen vor allem die Bastion 64 und das Ravelin 63 an der Nordwestecke des Forts. Am 20. Juli wurden die Angriffsgräben weiter „an den Fuß der Weinberge“ vorgeschoben und die Artillerie vorgezogen. Als ab dem 10. August die Sturmtruppen Stellungen in den  Laufgräben bezogen, mussten Fuhrleute Wasser und Verpflegung fahren. Je näher die Gräben und Sappen an die Festung heranrückten, um so gefährlicher wurden die Fahrten. (Bild 7)

07.  Der Angriff von 1702 auf einem colourierten Plan. (StA Landau, Plansammlung)


Am 22. August wurde Hans Pfaffmann zur Strafe, weil er sich geweigert hatte, „übermäßig Weins zu liefern, in der Sapp vor der Bastion in der Mitten angekettet, als die Kanonen schossen“. Er hatte Glück und überlebte diese Strafe.
Die Kosten für die Nußdorfer schlugen sich in den Kriegsrechnungen mit 1200 Gulden nieder.

Am 10. September wurde die Festung an die Belagerer übergeben. (Bild 8) Aus den Stadtratsprotokollen von Landau lassen sich überhaupt keine Rückschlüsse auf das Schicksal der Bewohner der drei Außendörfer ziehen. Generell sind diese als Quelle für die Belagerung unergiebig. Selbst über das Ende berichtet der Rat nur kurz: „Aldiweil dem allmächigen Gott durch seinen allweisen Ratschluss es also gefallen hat, dass nach ausgestandener langwieriger Bloquier-,  Belager- und Bombardierung dieser Statt, dieselbe unter ihro Majestät des Kaysers und des Heyl. Römischen Reichs juridiert gekommen.“

08.  Kupferstich von der Übergabe der Festung durch Kommandant Mélac im September 1702. (StA Landau, Plansammlung)

Auch bei den Belagerungen der Festung Landau in den Jahren 1703, 1704 und 1713 gab es Bedrückungen für die Einwohner von Nußdorf, wenngleich hier die Quellen sehr spärlich sind. In jedem Falle wurden bei den weiteren Belagerungen Truppen in und um Nußdorf stationiert, von denen viele Soldaten im Dorf selbst, weitere aber in den Lagern und Stellungen von den Einwohnern verpflegt werden mussten. Wie schon 1702 begannen auch 1703 die Maßnahmen für die Versorgung der Festung sich auch schon vor der eigentlichen Belagerung auszuwirken. So ergeht im Juli der Befehl, dass die Garnison mit „holtz und licht“ zu beliefern sei. Anfang August begannen die Einquartierungen zukommandierter Truppen in Landau. Ob dies Auswirkungen auf die Dörfer hatte, lässt sich nicht feststellen. Anfang September wurden Frondienste auf die Bürger umgelegt und Heu requiriert. Am 10. Oktober berichtet das Stadtratsprotokoll von großen Schäden in den Weinbergen durch „campierende Truppen“. (Bild 09)

09.  Die Festung und ihre Umgebung während der Belagerung von 1703. (StA Landau, Plansammlung)

Im April werden die „Milizen der Dorfschaften“ rekrutiert. 1704 finden sich pfälzische Truppen um Nußdorf: Die Regimenter Veller, Wiser und Schelland. Auf den Plänen sind Einheiten und Lager der Angreifer eingezeichnet, wenngleich ohne genaue Bezeichnungen. Auch Wall-Linien mit ausspringenden Schanzen in Feindrichtung sind zu sehen. Es handelt sich aber nicht um eine durchgezogene Linie, sondern nur um Verschanzungen zum Schutz der Lager. (Bild 10,11,12)

Auch außerhalb der Zeiten der Belagerungen beschwerte sich der Stadtrat über die Belastungen durch das Militär. Am 14. Januar 1713 schickte der Stadtrat Gravamina an den Herzog von Württemberg, in der in 20 Punkten die Beschwerden aufgelistet sind, u.a. Frondienste, Einquartierungen, Requirierungen etc. Obwohl nicht eigens erwähnt, dürfte sich der Passus „Abweidung der Wiesen und Weiden und Ausstechung der Wasen“ auch auf die Dörfer beziehen. Auch im Juni 1713 bauten die angreifenden Franzosen eine Circumvallationslinie, bevor am 24. Juni der eigentliche Angriff begann.

Es gibt Hinweise in der älteren Literatur, dass die Bewohner die Dörfer um Landau ihre Häuser verlassen hatten und „in die Wälder geflohen“ waren. Dies ließ sich anhand der benutzten Quellen nicht bestätigen, allerdings  ist es auch festzustellen, wie viele Todesopfer unter den Nußdorfer Einwohnern die Belagerungen kosteten. In den Sterbebüchern der lutherischen Pfarrei ist nur für 1713, also für die letzte Belagerung, vermerkt, dass am 1. Juli die 14-jährige Anne Maria Fauth „in der Belagerung von einer Kanonenkugel verletzet und den selben Tag verstorben“ ist. Wo dies stattfand, läßt sich nicht sagen. Schon im November 1703 war Hanß Jakob Küchel „während der Belagerung“ gestorben, zusammen mit seiner Mutter Anna Catharina Küchel „dieses Jahr unter der Belagerung“, ohne dass Ort und Umstände bekannt wären. Dies gilt auch für Anna Appolonia Theobald im Oktober 1704, die 70-jährig, „unter der Belagerung von Landau“ starb. Bei den letzen drei Personen übermittelt der Pfarrer den genauen Todestag nicht. Vielleicht waren sie in Landau gestorben und der Todesfall wurde nach Aufhebung der Belagerung nachgemeldet.

Genauere Informationen gibt es aber erst wieder zur Belagerung von 1793.

„Die siegreichen Teutschen verfolgten das sich zurück ziehende republikanische Heer; vor Landau angekommen, wurde von denselben mit Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse beschlossen, sich auf eine Blockierung des Platzes zu beschränken“, lesen wir in einer zeitgenössischen Quelle. „Blockade“ bedeutet, dass eine Festung eingeschlossen und von ihrem Nachschub abgeschnitten, aber nicht angegriffen wird, also keine Gräben und Sappen angelegt werden. Für eine Blockade werden wesentlich weniger Soldaten gebraucht als für eine reguläre Belagerung, vor allem Kavallerieeinheiten, welche die Festung weiträumig abschließen können. (Bild 13)

13.  Die Blockade von 1793 auf einen recht ungenauen Plan. (StA Landau, Plansammlung)

Anfangs wurde das Blockadekorps von österreichischen Truppen unter dem Befehl des Generals Wurmser gebildet, später jedoch aus Preußen unter dem Befehl des Prinzen von Hohenlohe; der preußische Kronprinz, nachherige König Friedrich Wilhelm III. war im Lager anwesend. Die Stärke des Blockadeheeres war anfänglich 20 000 Mann, wurde dann auf 10 000 Mann reduziert. Die Blockade dauerte insgesamt 272 Tage vom 1. April bis 28. Dezember 1793.

Obwohl eine Einnahme der Festung nicht erstes Ziel der Belagerung war, wurde die Stadt doch beschossen. Das Bombardement der Stadt begann versuchsweise am 13. Oktober und wurde am 28., 29., 30. und 31. Oktober während 4 Tagen und 3 Nächten unter anderem von der Nußdorfer Höhe aus ununterbrochen fortgesetzt. Mehrere bürgerliche Scheunen, das städtische Archiv sowie zwei große militärische Heu- und Strohmagazine in der Stadt brannten ab. Das Bombardement hatte aus drei Batterien stattgefunden, die „erste Batterie zwischen dem Nußdorfer Breitenweg und den Badenwiesen hatte 12 Geschütze, 27, 17 und 7 Pfünder, dann 4 Mörser und 4 Haubitzen; die 2te Batterie am Rothenweg hatte 3 Mörser und 3 Haubitzen, die 3te Batterie in der Nähe der Mörlheimer Mühle war mit 3 Kanonen und 3 Mörsern bewaffnet“. Diesmal waren aber nicht die Festungswerke wie im Jahre 1702 das erste Ziel der südlich von Nußdorf stehenden Geschütze, sondern vor allem die 10 Mörser schossen in die Stadt hinein. Insgesamt sollen 30 000 Geschosse auf Landau abgefeuert worden sein, die Wirkung der Treffer wurde von einem Artilleriebeobachter auf dem Turm der Nußdorfer Kirche registriert.

21 Jahre später wurde Landau wieder von feindlichen Truppen umschlossen. Russische, preußische und österreichische Truppen, die nach der Schlacht von Leipzig im Herbst und Winter 1813/14 die geschlagene französische Armee nach Frankreich hinein verfolgten, kamen im Januar 1814 vor Landau an; russische Kavallerie, sog. Kalmücken, erreichten Nußdorf am 10. Januar als Vorausabteilung, ab dem 14. Januar hatte das Dorf zudem noch 500 Mann russischer Infanterie und 50 Dragoner unterzubringen und zu verpflegen – und dies vier Monate lang. Für „Brod, Fleisch, Wein, Brandwein, Feuerung und Licht, Betten, Dampf- und Badstuben, und nebenbei für Ergötzlichkeiten bei Freudenmädchen“ mussten die Nußdorfer 30 174 Gulden aufbringen.
Der russische Befehlshaber, General Sokolowski, ließ den Bürgermeister von Nußdorf Michael Messerschmitt und seinen Schwiegersohn Georg Messerschmidt „bis auf den Tod knuten“. Den beiden Männern wurde vorgeworfen, sie hätten die Besatzung der Festung bei einem Ausfall aus dem Fort dadurch unterstützt, daß sie den Ausfalltruppen den Weg zu den bei Nußdorf angelegten Stellungen der Alliierten zeigten. Der Bürgermeister wurde in Ketten nach Brumath gebracht, wo er von dem alliierten Oberbefehlshaber von Hochberg letztendlich nach Aufhebung der Blockade von Landau freigelassen wurde. Sein Schwiegersohn soll zeitlebens „einen elenden Körper“ von der Auspeitschung zurück behalten haben.

Im Juli 1815 waren die Preußen wieder da. Napoleon hatte bekannterweise sein Exil auf Elba im April 1815 verlassen, war in Südfrankreich gelandet und hatte das Kaiserreich noch einmal etabliert – für 100 Tage. Die Festung Landau ging kurzzeitig wieder zur kaiserlichen Seite über.

Aber nach der Niederlage von Waterloo im Juni 1815 wurde die Festung Anfang Juli wieder von preußischen Truppen eingeschlossen. Einige hundert Mann wurden in Nußdorf in Quartier gelegt. Der Bürgermeister Messerschmidt floh dieses Mal nach Landau. Als Warnung und um ihn zur Rückkehr zu zwingen, drohte der Ortskommandant damit, des Bürgermeisters Haus niederzubrennen. Er ließ es auch mit Holz und Stroh umlegen, Messerschmidts Frau flehte um Verschonung ihres Hab und Guts. Letztendlich verzichtete der Offizier auf das Umsetzen seiner Drohung. „Die Frau trug aber einen siechen Körper von der überstandenen Angst davon, und starb nach drey noch elend durchlebten Jahren“, schrieb ein Zeitgenosse. Und wieder waren die finanziellen Einbußen des Dorfes enorm: Die Gesamtkosten für Unterkunft und Verpflegung von Truppen wurden für die Jahre 1814 und 1815 mit über 73000 Gulden angegeben.

Rolf Übel, im Juli 2020

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